Eine christliche Auseinandersetzung mit Richard Dawkins “Der Gotteswahn”

Einführung

Diese Arbeit setzt sich im Kern weniger mit den Argumenten von Dawkins per se, sondern vielmehr mit seiner den Argumenten zugrunde liegenden Weltanschauung auseinander, welche auf mehreren Denkvoraussetzungen ruht, die Dawkins jedoch weitestgehend weder begründet, geschweige denn hinterfragt. Er versucht, ausschließlich auf wissenschaftliche Beobachtungen zu setzen, ohne sich mit den fundamentalen Fragen der Philosophie und Epistemologie auseinanderzusetzen, welche das Fundament der Wissenschaft bilden. Er gibt dies sogar selbst ein Stück weit zu, indem er in abwertender Weise den Philosophen Bertrand Russel mit den Worten zitiert: “Des Philosophen Aufgabe ist es, Dinge über die Welt durch das Denken herauszufinden, anstatt durch Beobachtungen.” (106) Mit diesem Zitat verrät Dawkins, dass er die Wissenschaft weit über der Philosophie schätzt. Was jedoch sind Dawkins hochgelobte “Beobachtungen” anderes als Eindrücke, welche die eigenen fünf Sinne aufnehmen und mittels des “Denkens” deuten? Somit ist das Denken, in dem jedes Abwägen und Urteilen stattfindet, weit grundlegender als die Beobachtungen.

Während Dawkins sich auf “Beobachtungen” fokussiert, geht er davon aus, dass das allen Beobachtungen zugrunde liegende Denken einfach funktioniert und keiner Hinterfragung bedarf. Diese Ansicht offenbart eine zutiefst dem Humanismus entsprechende Weltsicht, die davon ausgeht, dass das Denken und der Verstand des Menschen im Zentrum steht und alles um sich herum zu beurteilen vermag. Doch die Beweise hierfür fehlen komplett. Somit trägt dieses Buch, während es doch versucht, “alles zu hinterfragen”, den unverkennbaren Stempel des postmodernen Zeitgeistes. Die Bibel stellt das Denken des Menschen, welches losgelöst von seinem Schöpfer agiert, in ein äußerst dunkles Licht: “Ihr Verstand ist verfinstert.” (Eph 4,18)

Trotz der grundlegenden Schwächen dieses Buches, wurde “Der Gotteswahn” über 1 Million mal verkauft. Der Einfluss dieses Buches ist somit gewaltig und wird gerade in wissenschaftlichen Kreisen und von Atheisten häufig zitiert. Woher kommt also dessen Einfluss? Die Antwort auf die Frage findet sich, wie diese Arbeit zeigen wird, nicht in seiner intellektuellen Klarheit, sondern vielmehr und fast einzig in seinem Appell an die Sicht und Gefühle des einzelnen Menschen.
Nun möchte ich die einzelnen Schwachpunkten des Buches aufdecken. Die einzelnen Überschriften habe ich in der Form von Aussagen mit Ausrufezeichen formuliert, da dies gut zum Ton des Buches passt.

1. Dieses Buch wird dich befreien!

Direkt zu Beginn müssen wir eine fundamentale Frage stellen, die das vom Autor vorgegebene Ziel des Buches betrifft, wenn er sagt: “Wenn dieses Buch sein Ziel erreicht, werden religiöse Leser, die das Buch öffnen, Atheisten geworden sein, wenn sie es schließen.” (28) Dawkins möchte mit diesem Buch Menschen aus der Finsternis der Religiosität hinein in das “schönste und herrlichste” Licht des Atheismus führen. (32) Doch wir müssen fragen: Warum sollte sich jemand, dessen Weltanschauung überhaupt keine Grundlage für Sinn, Ziel und Wahrheit liefert, solche ein Buch schreiben? Warum sollte Wahrheit besser sein als Lüge ist, oder warum sollte man die entdeckte Wahrheit mit anderen teilen anstatt sie als Vorteil zum eigenen “Überleben des Stärkeren” zu nutzen? Dawkins lässt diese “Tugend” ohne Begründung stehen.

2. Argumente für Gott sind schwach!

Über die Argumente für die Existenz Gottes fällt der Autor sein vernichtendes Urteil: Die Argumente für Gottes Existenz sind “auf spektakuläre Weise schwach.” (24) Leider lässt Dawkins die entscheidende Frage komplett unangetastet, nämlich: “Schwach” gemäß welchem Maßstab? Auf welchen Maßstab, der über die Aussagekraft von Argumenten urteilt, stützt sich der Atheist? Wer ist es, der auf einer Skala von 1 bis 10 bestimmt, welche Bewertung ein Argument bekommt? Ist es Dawkins selbst? Die Wissenschaft kann es nicht sein, da es bis heute zahlreiche Wissenschaftler mit Abschlüssen von den besten Universitäten der Welt gibt, die auf die gleichen Argumente schauen, jedoch zu dem Schluss kommen, dass die Argumente für Gottes Existenz weit überwiegen. Darüber hinaus definiert Dawkins leider überhaupt nicht, welche Beweise oder welche Art von Beweisen seine Meinung ändern würden. Im Gegenteil, er gibt unverhohlen zu, dass wir “als Menschen das Urteil darüber fällen, ob Gott existiert oder nicht.” (73)

3. Gott ist ein Monster

“Der Gott des Alten Testaments ist wohl die unangenehmste Figur der gesamten Phantasie-Literatur; eifersüchtig und auch noch stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter, nicht vergebender Kontrollfreak…” (der Satz ist noch lange nicht fertig) (51) Durch das ganze Buch ziehen sich hemmungslose Beschimpfungen gegen Gott und religiöse Menschen, die ihresgleichen suchen. Der Gott der Bibel ist ein “böser Gott.” (135) Er geht noch viel weiter, wenn er sagt, dass er mit seinem Buch “Gott attackiert, jeden Gott, jeden und alles Übernatürliche.” (57) Wenn es ihm allerdings nur um die Wissenschaft geht, kann man nur fragen, warum er solch eine militante Sprache verwendet. Er sagt weiterhin: “Evolutionisten aller Art müssen zusammenarbeiten, um den Kreationismus zu bekämpfen.” (92)
Doch gleichzeitig überrascht er auch in dem Buch mit Sätzen wie: “Fortschrittlichere Theologen bezeichnen Gott als geschlechtslos,” so Dawkins. Das ist wirklich interessant. Während Dawkins den Gott der Bibel als Fiktions-Figur porträtiert, stellt er eine geschlechtslose Vorstellung von Gott als fortschrittlich dar. Scheinbar attackiert Dawkins doch nicht “jeden Gott” gleichermaßen. Während Dawkins die so christlich geprägte Gesellschaft dazu ermutigt, aus ihren Denkmustern auszubrechen, scheint er nicht zu bemerken, wie er selbst im Zeitgeist einer sogenannten “modernen Gottesvorstellung” gefangen ist und bestimmte Gottesvorstellungen anhand seines Urteils besser findet.

4. Christen sind dumm!

Dawkins zeichnet ein Bild von Christen, das weit weg von der Realität ist. Christen seien angeblich naive Menschen, die nicht an wissenschaftlichen Überlegungen interessiert sind, sondern es sich leicht machen, indem sie “Gott” in jede ihrer Wissenslücken stecken. Der Christ ist kein Forscher gemäß Dawkins. Er selbst drückt es so aus: “Eine der wahrhaft schlechten Auswirkungen von Religion ist, dass sie lehrt, dass es eine Tugend ist, zufrieden zu sein, wenn man Dinge nicht versteht.” (152) Die Realität jedoch ist nicht nur, dass es in Vergangenheit und Gegenwart zahlreiche christliche Wissenschaftler gibt, sondern auch, dass allein die christliche Weltanschauung eine Grundlage für wissenschaftliche Überlegungen liefert. Allein die Bibel garantiert nämlich ein Universum, welches nicht nur real ist, sondern auch, statt von örtlichen Gottheiten oder Geistern gelenkt, nach festen Gesetzen verläuft, sodass echte Forschung überhaupt möglich ist. Dies ist auch der Grund, warum fast alle der 52 einflussreichsten Wissenschaftler der wissenschaftlichen Revolution Christen waren. (Rodney Stark, Buch der Mitte)

Darüber hinaus ist es die Bibel selbst, die dem Menschen sogar den Auftrag erteilt, sich die geschaffene Welt untertan zu machen, was mit einschließt, die Welt zu erforschen. Das bedeutet: Der Atheist hat keine Grundlage für Wissenschaft. Dawkins offenbart somit ohne es zuzugeben, dass er selbst auf Basis einer christlichen Weltanschauung agiert. Dawkins lobt Menschen, die zweifeln. Jedoch bemerkt er nicht, dass er sich selbst damit jedes Lob abspricht, denn seine eigenen Erläuterungen lassen tatsächlich jeden Zweifel vermissen. Wo ist also der Zweifel an seiner eigenen Überzeugung, den er so bei anderen lobt? Wenn er doch selbst zugibt, dass er nicht weiß, ob Gott existiert, sondern sich nur auf eine selbstberechnete Wahrscheinlichkeit stützt, wenn er sagt: “Es gibt fast sicher keinen Gott”, wieso beleidigt und attackiert er jede Form von Religion mit vehementer Selbstsicherheit? Die Bibel gibt die Antwort darauf: “Denn jeder, der das Böse tut, hasst das Licht.” (Joh 3,20)

5. Atheismus macht glücklich!

Direkt zu Beginn des Buches stellt Dawkins die These auf, dass es möglich ist ein Atheist zu sein, der “glücklich, ausgewogen, moralisch und intellektuell erfüllt” ist. (23) Zudem sagt er, dass Atheist zu sein etwas ist, “auf das man stolz sein sollte.” (26) Er stellt auch klar, dass Beethoven´s Quartette oder Shakespeare’s Sonette überragend sind, egal ob Gott existiert oder nicht. Er beantwortet jedoch nicht die grundlegende Frage: Was ist die objektive Grundlage um zu messen, dass Beethoven besser ist als mein kleines Kind, das einfach auf die Tasten schlägt?

Der kritische Leser stellt auf Anhieb fest, dass sich in diesen Sätzen eine moralische, bzw. ästhetische Aussage, an die andere reiht. Man kann nur darüber staunen, dass ein Wissenschaftler mit solch einer Reichweite und Akzeptanz solche Aussagen ohne jegliche Begründung trifft, denn Glück, Moral, Stolz und Erfülltsein sind alles Ausdrücke, die mit einer rein materialistischen Sicht des Universums weder festgelegt noch begründet werden können. Sie werden einfach vorausgesetzt, so auch von Dawkins. Aus christlicher Sicht machen die Aussagen von Dawkins wiederum völlig Sinn, da Gott den Menschen erschaffen hat, um in Gott völliges Glück und Erfüllung zu finden (Joh 10,10).

6. Staune über den Kosmos!

Dawkins spricht über Natur, Leben und Kosmos nicht, als würde es sich dabei um einen zufälligen Anfang, gefolgt von unzähligen, ungesteuerten, ziellosen, zufälligen “Unfällen” handeln. Die hochgepriesene Evolution, gemäß Dawkins, ist doch nur möglich durch Mutationen. Mutationen wiederum sind nichts anderes als Fehler, welche sich beim Kopieren der DNA ereignen. Aber das Vokabular von Dawkins, wenn er über Evolution und ihre “große Kraft” spricht, erinnert an einen Christen, der über Gott spricht. (172) Anders gesagt: Er spricht über das Universum nicht in einer Weise, die seiner eigenen Weltanschauung entspricht. Im Gegenteil: Sein Buch ist gespickt von unzähligen Ausdrücken, welche normalerweise im Kontext von Religion und Glaube gebraucht werden. Er nennt den
Atheismus “wunderschön und herrlich” (32). Es klingt so, als würde Schönheit und Herrlichkeit in der Natur zu finden sein. Gemäß Dawkins sind es jedoch nur milliarden von Zufällen und Unfällen. Wie kommt er auf Schönheit?

Die Bibel bietet jedoch eine feste Grundlage dafür, wenn sie sagt, dass die Himmel tatsächlich die Herrlichkeit Gottes verkünden (Ps 19,2). Dawkins, ohne es einzusehen, trifft Aussagen, welche er nur mit der Grundlage einer christlichen Weltanschauung begründen kann. Doch genau wie es im ersten Kapitel des Römerbriefs beschrieben wird, betet Dawkins als gefallener Sünder die Natur an anstatt den Schöpfer. Er staunt über den Kosmos, das Leben, die Feinabstimmung, kommt aber dann zu dem ironischen Schluss, dass es sich nur um “die Illusion von Design.” (139) An anderer Stelle warnt er sogar vor der “natürlichen Versuchung, die äußere Erscheinung von Design tatsächlich auch einem Design zuzuschreiben.” (188)

7. Keine absolute Moral!

Nach seiner äußerst schwachen Idee eines vermeintlichen Ursprungs von Moral, kann Dawkins dennoch nicht zu einer wissenschaftlichen Begründung kommen, warum Moral überhaupt existiert. In diesem Bereich bedient er sich plötzlich, und scheinbar unbewusst, an philosophischen Begründungen. Er gibt anschließend offen zu, dass absolute Moral nur schwerlich festzulegen ist. Dennoch beharrt er darauf, dass es Dinge gibt, die ganz einfach böse und falsch sind. In einer Auflistung von etlichen “bösen” Dingen gibt Dawkins sein “stärkstes” Argument preis, indem er sagt: “Fast alle würden dies als unmoralisch bezeichnen.” (256) Heißt das nun, dass es zwar keine objektive Moral gibt, wir jedoch auf Basis der Meinung der Mehrheit eine Moral befolgen sollten? Hatten die Nazi-Führung oder das kommunistische Regime also doch recht, da ihre Handlungen durch die Mehrheit der Täter gestützt wurde?

Doch trotz dessen, dass er eine objektive Moral selbst in Frage stellt, ist der Autor nicht auf Vorsicht bedacht, im Gegenteil. Nachdem er die Existenz einer objektiven Moral offen abgestritten hat, fährt er damit fort, sich anschließend über die Unmoral der Bibel auszulassen; und zwar in einem merkwürdig absoluten Sinn. Die Zerstörung von Sodom und Gomorah, die Sintflut sowie viele weitere Passagen nimmt er zum Anlass, um den Gott der Bibel als “Monster” darzustellen – doch auf welcher wissenschaftlichen Basis? (68) Da er selbst nicht an eine absolute Moral glaubt, kann man aus seinen Darstellungen nur
schließen, dass er an das Gefühl der Leser appelliert, an das “aktuelle” Moral-Verständnis des Zeitgeistes.

Doch während Dawkins sich auslässt, offenbart er sich im Schreiben seines Buches nicht nur selbst als zutiefst moralisch-gesinntes Wesen, sondern er offenbart sich auch als ein Beispiel für den in Sünde gefallenen Menschen, der lieber seine eigene Gerechtigkeit aufrichten will, statt dafür auf Gott zu vertrauen. Er schreibt: “Warum akzeptieren wir ohne weiteres die Vorstellung, dass der einzige Weg um Gott zu gefallen der ist, an ihn zu glauben? Was ist so besonders am Glauben? Ist es denn nicht genauso wahrscheinlich, dass Gott Freundlichkeit, oder Großzügigkeit, oder Bescheidenheit belohnt?” (131) Ironischer Weise listet er zudem tatsächlich seine persönlichen “neuen 10 Gebote” auf, durch welche wir unserer “Gemeinschafts-Ethik” Ausdruck verleihen könnten. Der Wissenschaftler David Berlinski, selbst Agnostiker, bringt es in seiner Gegenschrift “The Devil´s Delusion” (dt. “Der Teufelswahn”) auf den Punkt: “Wenn moralische Imperative nicht durch Gottes Willen befohlen sind, und sie nicht in gewissem Sinn absolut sind, dann ist das, was sein sollte, schlussendlich nur ein Beschluss von Männern und Frauen darüber, was sein sollte.” (40)

8. Keine Kinder-Indoktrination!

Dawkins spricht sich klar dafür aus, dass es keine muslimischen oder christlichen Kinder gibt, sondern nur “Kinder von Muslimen” oder “Kinder von christlichen Eltern.” Er schreibt: “Wenn du hörst, wie jemand von einem ´katholischen Kind´ spricht, stoppe ihn!” (25) Dawkins will, dass Kindern keinerlei religiöse Überzeugungen von den Eltern aufgezwungen werden. Er rühmt seine Eltern, die ihm nicht beigebracht haben, was er denken soll, sondern vielmehr, wie er denken soll. (367) Das Problem dabei ist nur: Das ist natürlich absoluter Quatsch. Wenn Eltern ihren Kindern sagen, dass sie nicht lügen oder schlagen sollen,
sagen sie ihnen tatsächlich, was sie denken sollen, nämlich: “Lügen oder Schlagen ist böse.” Sollten Eltern ihrer 3-jährigen Tochter etwas anderes sagen? Sollten sie ihr nur sagen, wie sie darüber denken könnte und ihr komplexe philosophische Ansätze über Moral weitergeben? Das Problem ist natürlich die hier zugrundeliegende Sicht des Menschen. Wäre der Mensch in sich moralisch gut, so könnte man dies dem guten moralischen Urteilsvermögen der Kinder überlassen. Dawkins liefert jedoch wie so oft keinerlei zugrunde liegenden Beweise für seine Annahme, dass eine “neutrale” Erziehung gut ist

9. Übernatürliches ist verboten!

Dawkins erlaubt keine Erklärungen und Antworten außer jenen, “welche als natürliche Phänomene erklärt werden können.” (35) Er behauptet, dass die Wissenschaft ja so faszinierend ist, weil sie nicht feste Doktrine liefert, sondern immer wieder ihren Standpunkt ändert. Wenn er beispielsweise zugibt, dass auch nur die leichteste Abweichung in einer der physikalischen Konstanten das Leben im Universum unmöglich machen würde, so wirft er die “plausible” Erklärung in den Raum, dass diese hohe Unwahrscheinlichkeit durch die Idee, dass es viele Universen (ein Multiversum) gibt, aufgewogen werden kann. (173) Er nennt es bewusst “Vermutung”, weil dieser Idee – um nicht zu sagen Phantasie – keinerlei wissenschaftliche Daten zugrunde liegen. Es ist reiner “Glaube.” Über die Entstehung des Lebens sagt er prompt: “Der Ursprung des Lebens musste nur einmal geschehen, weshalb wir es auch für möglich halten, trotz dessen extremer Unwahrscheinlichkeit.” (162) Später nennt er die Entstehung des Lebens “schieres Glück.” (168) Er gibt sogar zu, dass Dinge in der Natur instinktiv durchaus wie designed aussehen, tut diese Schlussfolgerung aber, wie bereits gesagt, einfach mit den Worten ab, dass dies “die überzeugende Illusion von Design” ist. (168)

Dawkins deckt selbst etliche Lücken der Evolutionstheorie, seines heiligen Grals, auf. Er sagt, dass die Entstehung des Lebens nicht die einzige “Lücke in der
Evolutions-Geschichte.” (168) Der Ursprung von Information, oder Bewusstsein, beispielsweise, wäre eine andere große Lücke. Aber: Warum behauptet er denn überhaupt so felsenfest, ohne jegliche Zweifel, dass seine Position richtig ist?

10. Einige Punkte der Übereinstimmung

Gibt es Punkte der Übereinstimmung mit dem Buch? Obwohl Dawkins ein zutiefst anti-christlicher Gelehrter ist, müssen wir ihm in einigen Punkten seines Buches zustimmen. Dawkins deckt tatsächlich viele negative Auswirkungen von unterschiedlichen religiösen Überzeugungen auf. Dazu gehören Praktiken verschiedener Kulte, wie der Zeugen Jehovas und der Mormonen. Dadurch erzeugt er eine anti-religiöse Atmosphäre, die aus unserer Sicht zumindest teilweise nachvollziehbar ist.

Viel beschämender ist es jedoch, dass Dawkins auch etliche falsche Praktiken und Überzeugungen im Christentum entlarvt, die tatsächlich falsch sind und das Christentum daher in ein schlechtes Licht rücken. Dazu gehören die Missbrauchsskandale der Katholischen Kirche und die wilden Auswüchse evangelischer Wohlstandsprediger. Durch diese Argumentation erzeugt er ein Gesamtbild, das zutiefst abschreckend ist, dem jedoch leider jegliche Differenzierung fehlt. Vergleichbar wäre es, wenn Dawkins einen Fall von Kindesmisshandlung durch die eigenen Eltern nach dem anderen schildern und anschließend sagen würde: “Und deshalb gehören Eltern abgeschafft!” Der ungeschulte Leser wird dies leider nicht auf anhieb erkennen, sondern mit Dawkins rufen: “Religion muss weg!”

11. Widersprüche und Fehler im Buch

Dawkins hat nichts gegen Abtreibung, gerät aber in Rage bei Kindesmissbrauch. Der einzige “wissenschaftliche” Ansatz von ihm dazu, warum ungeborene Kinder abgetrieben werden können, aber geborene Kinder zu beschützen sind, lautet: “Die Geburt scheint angemessen zu sein für den Übergang zum Menschsein.” Ironischerweise feuern zwei Kapitel von Dawkins gegeneinander, wenn er im Kontext von “Kinder-Indoktrination” fragt: “Sollten Kinder nicht selbst etwas in dieser Sache zu sagen haben?” (371) Wenn also die Meinung der Kinder bei religiöser Erziehung entscheidend sein sollte, was ist mit Kindern, die noch keine eigene Meinung durch Sprache ausdrücken können, wie beispielsweise einem einjährigen, oder sagen wir, ungeborenen Kind?

Dawkins beschreibt einen Atheisten als jemanden, der glaubt, dass es außer dem Natürlichen (also der Materie) nichts gibt. (35) Wenn dem allerdings so ist, dann ist alles, inklusive der Gedanken unseres Bewusstsein, nur das Ergebnis unwiderstehlicher Gesetze, die uns steuern. Daraus folgt allerdings wiederum absoluter Determinismus. Der Mensch wäre überhaupt nicht frei, zu denken, sondern würde völlig von den Gesetzen der Natur gesteuerte werden.

Dawkins offenbart zudem eine völlig unzureichende Kenntnis der christlichen Vorstellung davon, dass Gott ein “einfaches” Wesen ist. Christen meinen damit, dass Gott in seinem Wesen als ewiger Geist nicht in mehrere Bestandteile zerteilt ist. Sie meinen damit nicht, dass Gott simplistisch oder einfältig ist. Dawkins jedoch erstellt auf Basis seines falschen Verständnisses das “Argument”, dass Gott doch “komplex” sein müsse, wenn er ein solches Universum kreieren wollte. (183)

Dawkins fehlen leider auch die grundlegendsten Kenntnisse, wenn es um die Historizität von Jesus von Nazareth und den Evangelien-Berichten geht. Er sieht beispielsweise keinen Grund, warum das “Evangelium nach Thomas” nicht im Kanon sein sollte, obwohl es unumstritten aus dem 3. Jahrhundert nach Christus stammt, während die vier Evangelien der Bibel (sowie alle weiteren neutestamentlichen Bücher) aus dem 1. Jahrhundert stammen. Am meisten kommt seine Unkenntnis durch den Satz zum Ausdruck: “Als die Evangelien viele Jahre nach dem Tod von Jesus niedergeschrieben wurden, wusste niemand mehr, wo er geboren worden war.” (118) Was für eine lächerliche Behauptung! Die ersten Evangelien wurden innerhalb der ersten drei Jahrzehnte nach dem Tod von Jesus
geschrieben, also waren viele, die bereits vor Jesu Geburt geboren waren, noch am Leben. Dies ist natürlich eine unhaltbare Aussage, offenbart jedoch, mit welchem Level historischer Arbeit sich Dawkins zufrieden gibt, um das Christentum in Abrede zu stellen.

Schlussfolgerung

“Der Gotteswahn” ist voll von Meinungen, Ideen und Erzählungen Dawkins´, jedoch fast leer, was echte, wissenschaftliche und philosophische Arbeit angeht. Die große Stärke des Buches ist leider nur seine “emotionale Kraft”, welche dem Leser einen Gesamteindruck von Religion vermittelt, welcher äußerst abstoßend ist. Und in weiten Teilen würde ein Christ den Darstellungen sogar zustimmen. Dieses Buch als Christ zu lesen, erzeugt jedoch nicht den von Dawkins gewünschten Effekt, dass man beim Zuschlagen des Buches Atheist geworden ist. Ironischerweise ist das Gegenteil der Fall. Wenn diese Ausführungen “das Beste” des modernen Atheismus darstellen, so kann man in seinem Glauben nur gestärkt und bestätigt dieses Buch zuschlagen und mit Freude darauf warten, sich in kommenden Gesprächen mit Atheisten auseinanderzusetzen.

Erstaunlicherweise macht Dawkins eine richtige Aussage, wenn es um die Natur von echtem, rettenden Glauben geht, wenn er sagt: “Zumindest ist es (der Glaube) nicht etwas, das ich entscheiden könnte zu tun als reinen Willensakt. Ich kann entscheiden, in die Kirche zu gehen und ich kann mich dazu entscheiden, das Nicänische Glaubensbekenntnis aufzusagen, und ich kann mich dafür entscheiden, auf einem Stapel von Bibel darauf zu schwören, das ich jedes Wort darin glaube. Aber nichts davon macht mich tatsächlich zu jemandem, der das glaubt, wenn ich es in Wahrheit nicht tue.” (130) Was Atheisten wie Dawkins brauchen, sind wir – Christen, die ihnen das wahre Licht des Evangeliums bringen, damit Gott selbst in ihre Finsternis hinein leuchtet und sie zum rettenden Glauben an das Evangelium kommen.